Mitten im Sturm cv 72Am 25.09.2018 ist es soweit und mein neues Buch "Mitten im Sturm" erscheint. Zur Einstimmung gibt es hier eine XXL - Leseprobe der ersten drei Kapitel. Viel Spaß damit!

Kapitel Eins

Grace

Ich habe einen Menschen getötet. Fünfhunderteinundfünfzig Tage lang versuche ich bereits, das Ausmaß dieser Tatsache zu erfassen und doch begreife ich es immer noch nicht.

Es ist nicht so, dass mir nicht bewusst wäre, was passiert ist, oder dass ich es je vergessen könnte. Ich werde oft genug daran erinnert. Mein Leben hat sich seit jenem Tag um hundertachtzig Grad gedreht, in jeglicher Hinsicht. Und auch, wenn es komisch klingt: Ich habe dabei sogar so manches gewonnen. Allen voran meine Freiheit, zumindest einen Teil davon. Allerdings habe ich oft den Eindruck, mich selbst irgendwo entlang des Weges verloren zu haben.

Der Richter hat mich aufgrund der Umstände von jeglicher Anklage freigesprochen. Und doch bleibt das Resultat dasselbe: Ein Mann ist tot. Meinetwegen. 

Laut Urteil aber war es ein Unfall, keine Tötungsabsicht. Ich bin unschuldig.

Das Problem ist nur: Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt.

Ich versuche gar nicht erst, gegen die Schlaflosigkeit anzukämpfen, die sich wieder einmal breitgemacht hat, nachdem mich ein kratzendes Geräusch vor der Tür geweckt hat. Sie gewinnt sowieso immer. In diesem Wohnungskomplex herrscht ständiges Kommen und Gehen. Wahrscheinlich hat jemand lediglich seine Tasche an meiner Tür streifen lassen. Inzwischen reicht jedoch das Surren des Kühlschranks um mich zu wecken. Und wenn ich einmal wach bin, besteht absolut keine Chance, noch einmal in den Schlaf zu finden. 

Um mich selbst von dem quälenden Juckreiz abzulenken, der mich aussehen lässt, als hätte ich Flöhe, greife ich nach meinem Handy. Vier Uhr siebenundzwanzig. Somit komme ich heute Nacht auf satte vier Stunden Schlaf. Hammer. Das einzige, das mich in dieser Situation zum Schmunzeln bringen kann, ist die Nachricht meiner besten Freundin Julia: 

Dein Kleid kann kurz oder lang sein, Gracie. Pink oder braun … von mir aus sogar weiß, wenn du dich darin wohlfühlst. Ich will dich einfach nur bei mir haben.

Sie ist alles, was ich an meinem früheren Wohnort Massachusetts vermisse, und sie ist einer von zwei Menschen, denen ich freiwilligmeine Geschichte erzählt habe. Und selbst bei diesen beiden gelang es mir nicht, ins Detail zu gehen. Es gibt einfach Dinge, die behalte ich lieber für mich. Nicht weil ich mich schäme – über den Punkt bin ich schon lange hinaus -sondern weil ich nicht anders angesehen oder bedauert werden möchte, und das würde geschehen, wenn sie Bescheid wüssten.

Es tut immer noch weh, Julia zurückgelassen zu haben, als ich nach dem Unfall im vergangenen Januar zurück nach Seattle gezogen bin. Natürlich bleibt sie meine engste Freundin, aber es ist so verdammt schwierig, jeden Tag ohne sie bestreiten zu müssen. Wir beide haben zusammengehalten, als alles den Bach runterging. Julia hat ihre eigene persönliche Hölle mit ihrer Familie hinter sich, auch wenn es ihr jetzt gut geht. Sie wird im Spätsommer heiraten. Ihren Jeremy, mit dem sie eine harte Zeit durchgestanden hat. Und die Zukunft wird um nichts leichter, denn Jeremy ist krank. Er wird sterben. Das ist Fakt. Nicht heute, aber auch nicht erst in einem Alter, bei dem man von einem langen, erfüllten Leben sprechen könnte. Es bricht mir nach wie vor das Herz, was das für Jules bedeutet. Umso mehr freut es mich, wie toll die beiden mit dem umgehen, was sie haben. Wie sie jeden Tag bewusst leben. Sie sind glücklich. Heute. Das ist alles, was zählt. 

Lächelnd tippe ich zurück:

Bei meiner Größe könnte ich aber auch Blumenmädchen spielen, und es würde keinem auffallen. Nur, falls du noch auf der Suche bist …

Gähnend wälze ich mich zurück auf den Rücken und werfe den Arm über mein Gesicht. Müdigkeit ist nichts Neues für mich. Ich stehe mit Schlaf schon lange auf Kriegsfuß, aber man gewöhnt sich an alles. Trotzdem fehlen mir an den meisten Tagen sowohl die Energie als auch die Motivation, aufzustehen. Das einzig Positive ist, dass ich auf diese Weise eine zusätzliche frühe Schicht im Diner machen kann, bevor ich zur Uni muss. 

Mein Handy vibriert in meiner Hand. Naserümpfend sehe ich Julias Namen am Display. Mist. „Habe ich dich geweckt, J.?“, frage ich besorgt. Sie ist drei Zeitzonen weiter als ich, also ist es bei ihr jetzt halb acht. Ihre Kurse am Konservatorium muss sie im Gegensatz zu mir jedoch schon seit Anfang Juni nur noch sporadisch besuchen. 

„Nein, ich sitze im Bus. Bin auf dem Weg zur Generalprobe nach New York.“

Erleichtert atme ich auf und rolle mich aus dem Bett. Entweder verfolgen mich Bettwanzen oder der Juckreiz ist psychosomatisch, denn sobald ich stehe, ist er weg. „Uh, ja, Samstag ist es endlich so weit, richtig?“

„Genau. Ich sag’s dir, Grace. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein solches Lampenfieber hatte. Über zehntausend Leute werden uns zusehen. Jeremy tut mir schon richtig leid. Wahrscheinlich kennt sogar er die Tanzbewegungen für die Ballettaufführung inzwischen auswendig.“

Ich kichere verhalten. Kann mir nicht vorstellen, dass das ein großes Problem für ihn ist. Eine seiner Lieblingsgeschichten, die er gerne erzählt, ist die, wie er sich Hals über Kopf in Jules verliebt hat, während sie tanzte. „Es ist eine riesige Sache und völlig verständlich, wenn du aufgeregt bist. Sobald du auf der Bühne stehst, denkst du nicht mehr an die Leute und rockst die Show. Da bin ich mir sicher.“

„Danke. Ich hoffe, du hast recht.“ 

Ich kann das laute Gähnen nicht unterdrücken, als ich eine alte Jeans, ein kurzes Top und meine Lieblingsweste aufs Bett schleudere.

„Ich spare mir die Frage, ob du darüber reden willst, warum du zu dieser Uhrzeit schon unterwegs bist. Aber du weißt, dass du es mir erzählen kannst, wenn du das möchtest“, sagt Julia.

Ich schalte auf Lautsprecher und werfe das Handy auf die Matratze, damit ich mich umziehen kann. „Gibt nicht viel Neues zu sagen, aber danke für das Angebot. Ich bin einfach froh über jede zusätzliche Stunde, die ich im Diner arbeiten kann.“ Und die sind auch froh über mich, denn Darryl’s Diner– ja, sehr einfallsreicher Name – ist chronisch unterbesetzt. Einer ist immer krank oder abgängig, und weil wir uns knapp neben der Interstate befinden, wo etliche Lastkraftfahrer Tag und Nacht unterwegs sind, mangelt es uns nicht an Kundschaft. 

„Pass auf dich auf, Gracie. Du arbeitest zu viel.“ Da muss ich ihr widersprechen. In diesem Fall gibt es kein zu viel. Ich muss meinen Krankenhausaufenthalt vom letzten Jahr bezahlen, die Uni finanzieren, dazu meine Wohnung und jetzt besagtes Kleid für Julias Hochzeit. Die letzten drei Dinge sind es so etwas von wert, mir dafür den Arsch abzurackern. Insbesondere, weil ich dann wenigstens etwas mit mir anzufangen weiß, statt rumzusitzen und in der Nase zu popeln. 

„Sonst alles gut bei dir?“, frage ich, um das Thema zu wechseln. Inzwischen bin ich in meinem Minibad. Und nein, es ist mir nicht peinlich, mit Julia zu telefonieren, während ich pinkle undmir gleichzeitig die Zähne putze. 

„Im Prinzip schon, ja.“

Mit einem flüchtigen Blick in den Spiegel schmiere ich mir etwas Concealer und blauen Eyeliner unter die Augen, kämme mir die Haare und flechte sie wie üblich zu einem seitlichen Zopf, weil ich keine Ahnung habe, was ich sonst mit den langen Zotteln machen sollte. „Aber?“

„Ich habe meinen Vater angerufen.“ Automatisch spanne ich mich an, balle meine Hände zu Fäusten. Aus so vielen Gründen verbinde ich mit diesem Mann nichts Gutes. „Wegen der Hochzeit. Ich habe ihn gefragt, ob er kommen würde. Du weißt schon, als Vater der Braut und bla, bla.“ Insgeheim hoffe ich, dass er nein gesagt hat. Wenn ich den Kerl nie wiedersehen muss, wäre ich nicht beleidigt. „Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, weil ich schon die ganze Zeit mit mir gerungen habe, ob ich ihn oder beide dabeihaben will.“ Ich schließe die Augen vor dem, was kommt. Ich brauche kein Genie zu sein, um die Traurigkeit in ihrer Stimme zu hören. „Er meinte, er würde es sich überlegen. Bei allem, was ich ausgelöst hätte, wisse er nicht, ob er sein Gesicht dort zeigen will.“ 

Was auch immer er damit meint. Die Tatsache, dass er ein korrupter Arsch ist, der seine eigene Tochter jahrelang wie Dreck behandelt hat? Oder schlimmer noch, dass er zugesehen hat, wie ihre Mutter sie grün und blau geschlagen und ihr dann immer noch das Gefühl gegeben hat, all das sei ihre eigene Schuld? Ja, ich sehe wirklich, wo zur Hölle Julia irgendetwasausgelöst hätte. Ich hole tief durch die Nase Luft und bemühe mich, runterzukommen. „Tut mir leid, Süße! Ehrlich.“ Für sie tut es mir wirklich leid. Eins der Dinge, die ich an meiner besten Freundin so bewundere, ist ihre Bereitschaft zu vergeben und neu anzufangen. Selbst, wenn ich manchmal keinen Schimmer habe, warum. „Aber vielleicht ist es besser so, weil sie dir dann nicht noch ein wunderschönes Ereignis ruinieren können.“

„Ja …“ Sie klingt nicht ganz überzeugt. „Ist nur irgendwie ein bisschen armselig, dass ich kein einziges Familienmitglied dabeihaben werde.“ Das Gefühl kann ich besser nachempfinden, als mir lieb ist. Sowohl Julia als auch ich mussten unsere Vorstellungen von Familie vor langer Zeit aufgeben. „Aber ich dachte mir, ich frage Jeremys Dad, ob er mich zum Altar bringt.“

„Das ist eine gute Idee. Und im Notfall springe ich ein.“

„Trauzeugin, Blumenmädchen und Brautvater. Klingt nach einer hektischen Hochzeit für dich, Gracie.“

Lachend setze ich meinen Weg in den Küchenbereich fort und öffne den Kühlschrank, keine Ahnung auf der Suche nach was, aber ich finde sowieso nur gähnende Leere darin, also bleibt es bei einem Glas Wasser. Ein weiterer Vorteil am Arbeiten im Diner, denn da gibt es für die Mitarbeiter zwischendurch immer Häppchen. 

Ein lautes Zischen vor meiner Wohnungstür lässt mich zusammenzucken, sodass das Wasser im Glas über- und auf meine Weste schwappt. Das ist gerade aber echt nicht mein größtes Problem, Wasser trocknet. Vielmehr würde mich interessieren, wer vor fünf Uhr morgens vor meiner Tür eine endlos große Coladose öffnet. Zumindest klingt es so. „Was zum …“, flüstere ich.

„Was ist?“

„Weiß ich nicht“, erkläre ich tonlos und mache mich auf den Weg zum Türspion, um zu sehen, was gerade abgeht. „Ich glaube, der Nachbarshund hat es nicht mehr rechtzeitig zum Gassigehen geschafft und entlädt seine Blase vor meiner Tür“, scherze ich, weil das der einzige Weg ist, nicht die Nerven zu verlieren. Denn in Wahrheit habe ich Angst. Mein Herz pocht, während ich auf Zehenspitzen Richtung Eingang tippele und bete, dass nichts Böses vor sich geht. Meine Wohnung ist gefühlte drei Quadratmeter groß und jeder, der von außen auf diesen Komplex sieht, müsste ahnen, dass die Bewohner keine Diamanten oder Scheine unter ihren Kissen versteckt haben. Warum sollte also irgendjemand bei mir einbrechen wollen? Und wenn doch, warum muss ich dann ausgerechnet den schlechtesten in seinem Handwerk abkriegen, einen, der dabei so laut ist, dass er die Aufmerksamkeit der ganzen Nachbarschaft auf sich ziehen könnte? Nicht, dass es einen der Nachbarn interessieren würde. Hier behandelt jeder den anderen wie Luft. Grüßt man, bekommt man den gleichen Blick wie eine lästige Fliege, wenn sie sich wiederholt aufs Essen setzt.

„Was machst du?“, flüstert nun Julia am anderen Ende.

„Zur Tür gehen. Warum flüsterst du?“

„Keine Ahnung. Weil ich Angst habe.“ 

Mit einem halben Schmunzeln taste ich nach dem Lichtschalter hinter meinem Mantelständer, weil ich es dunkel haben will, wenn ich durch den Spion sehe. Dabei schaffe ich es aber, über meine eigenen Schuhe zu stolpern, falle japsend gegen den Ständer, worauf sich aus dem Nichts eine dunkle Gestalt auf mich stürzt. Das Japsen wird zu einem Schreien, Julia schreit am anderen Ende mit, ich springe zurück, halte mir die Arme vors Gesicht. Anstatt mich anzugreifen klatscht das Etwas jedoch lautstark auf dem Boden auf. Das Herz springt mir gleich aus der Brust, während ich auf den Handstaubsauger sehe, der vor meinen Füßen liegt. Kopfschüttelnd widerstehe ich dem Drang, ihn zu treten. Ist ja nicht seine Schuld, dass ich mich gerade aufführe, als wäre ich in einem schlechten Horrorfilm. Außerdem war ich diejenige, die ihn dort stehen gelassen hat, weil ich keinen Stauraum habe.

„Grace!“, ruft Julia durch die Leitung. 

„Alles gut! Alles gut! Es war der Staubsauger. Tut mir leid.“ Allerdings ist mir trotz meiner Show nicht entgangen, dass jemand nun die Treppen hinunterpoltert und das Zischen somit aufgehört hat. 

„Gott! Grace. Der Busfahrer hat wegen meines Schreis gerade eine Vollbremsung hingelegt und ich verkrieche mich unter meinem Sitz, weil ich Angst habe, dass er mich rauswirft“, meckert sie, lacht jedoch dabei. Leider kann ich im Moment nicht mitlachen, während ich endlich die Tür öffne. Stattdessen wird mir schlecht und ich ringe um Atem.

„Gracie?“

Mit zitternden Fingern strecke ich eine Hand aus, berühre die Farbe, die an einigen Stellen noch tropft, um sicherzugehen, dass ich nicht lediglich den Verstand verloren habe. „Grace? Alles okay bei dir?“

„Ja“, würge ich hervor und räuspere mich. Es ist alles andere als okay, aber das muss sie jetzt nicht belasten. „Ja, alles klar. Ich muss los, J. Lieb dich!“ Ich weiß, sie kauft mir meine Antwort nicht ab, aber ich will ihr jetzt nichts erklären. Alles, was ich tun kann, ist, mir die Nägel in den Arm zu krallen, während ich auf die wütenden roten Buchstaben auf meiner Tür starre, die ein deutliches Wort ergeben: MÖRDER.

 

 

Kapitel Zwei

Grace

Ich hasse diesen Baumarkt. Baumärkte allgemein. Genau wie Supermärkte und alle anderen Märkte, um fair zu sein. Zu viele Leute, zu viele Eindrücke, zu viel Zeit, die dabei draufgeht, Kram zu suchen. Wenigstens habe ich nach einer halben Stunde Suche schon einen Schlossriegel für meine Tür gefunden. Drei, um genau zu sein. Ich habe zwar keine Ahnung, ob die sich an meiner Tür überhaupt befestigen lassen, aber einen Versuch ist es wert. Die Dinger in meinem Wohnungskomplex kann man schon öffnen, indem man fest genug daran pustet, und nach heute Morgen habe ich noch weniger Interesse an Besuch als normalerweise. 

Langsam habe ich keine Lust mehr, meine Safari hier im Baumarkt fortzusetzen, während ich bereits Geld verdienen gehen könnte, statt es auszugeben. Die Suche nach Personal, das noch dazu gerade unbeschäftigt ist, ist ebenso spaßig wie erwartet. Deshalb mache ich praktisch einen Luftsprung, als ich einen freien Mitarbeiter entdecke, der lediglich mit einer Leiter hantiert. „Entschuldigung?“

Der Mann scheint mich nicht zu hören oder hören zu wollen, bis ich mich wiederhole. Sichtlich genervt wendet er sich mir im Schneckentempo zu, hebt die Augenbrauen. Ich lächle freundlich, weil ich seine schlechte Laune nicht brauche. „Wo würde ich denn Farbe finden?“ Ich habe hier vor ein paar Monaten alles Mögliche eingekauft, als ich in meine Wohnung gezogen bin. Seither scheinen sie jedoch umsortiert zu haben. Oder ich bin einfach bescheuert, was auch denkbar ist.

„Farbe.“ Der Verkäufer mustert mich kurz von oben bis unten. Zu gerne wüsste ich, was mein Aussehen mit meiner Frage zu tun hat und verschränke die Arme vor der Brust. Irgendwann findet der Typ meine Augen wieder und nickt gelangweilt. „Letzter Gang vor der Pflanzenabteilung.“ Mir bleibt nicht einmal Zeit, mich für die große Hilfe zu bedanken, ehe er mich wieder links liegenlässt, die Leiter zusammenklappt und mitnimmt. 

„O-kay …“, forme ich mit den Lippen und mache mich auf den Weg. Dabei fühle ich mich wie ein Zwerg, während ich an den Regalen vorbeigehe. Ich bin ohnehin nicht besonders groß, aber die Räume hier sind gefühlt zehnmal so hoch wie ich. Nach etwa acht Kilometern Fußmarsch erreiche ich endlich den Gang, in dem ich finden soll, was ich suche. Alles, was ich hier sehe, sind jedoch Acrylfarben, Aquarellfarben, Pinsel, Staffeleien. Ich denke, ich muss es nicht weiter ausführen. Ungeduldig reibe ich mir die Augen. „Farbe. Witzig.“ 

Innerlich fluchend gehe ich den Weg zurück, den ich gekommen bin, bleibe beim Geräusch eines extrem lauten Lachens jedoch mit aufgerissenen Augen stehen. Sandy, die Mom meiner zweitbesten Freundin, die mich schon zweimal nach einem Notfall bei sich aufgenommen hat, ist hier und lacht über einen Witz ihres zuckersüßen Mannes. Ich liebe dieses Lachen und würde es gerne aufnehmen und abspielen, wenn es mir schlecht geht. Nur jetzt will ich es nicht hören. Sie sollte mich hier echt nicht sehen. 

Gott sei Dank lebe ich in Seattle, Starbucks Hauptstadt, wo man im wahrsten Sinne des Wortes an jeder Ecke einen Starbucks-Shop oder zumindest einen Automaten findet. Geduckt sprinte ich zu einem solchen und verstecke mich, wie eine erwachsene Frau es eben tun würde, unter dem hohen – und auf zwei Seiten geschlossenen – Beistelltisch.

„Nein, nein, nein. Geht weiter! Geht weiter! Nicht hersehen!“, wiederhole ich wie ein Mantra, im Versuch, sie mit Gedankenübertragung zu beschwören.

„Alles okay, Ma’am?“, fragt ein Schatten, der sich über mich legt.

„Gott!“, hauche ich zu Tode erschrocken. Im Versuch, aus meiner kauernden Position hochzukommen, schlage ich mir den Kopf an der Tischkante an, rudere wie eine Idiotin mit den Armen, um nicht auf den Hintern zu fallen und einen sicheren Stand zu finden, damit ich dem Typen über mir notfalls in die Nüsse treten kann. Liegt es an mir oder sind heute alle darauf aus, dass ich mir buchstäblich in die Hose mache? 

Sein Aussehen passt jedenfalls perfekt zu der tiefen Stimme und dem verflucht langen Schatten, den er über meinem Versteck geworfen hat. Der Kerl ist eineinhalb Köpfe größer als ich, hat schwarze, kurzgeschorene Haare, extrem dunkle Augen, einen dunklen Bartschatten und ein verflixt süßes Grinsen, während er meine Angriffshaltung in sich aufnimmt. Wie eine Ziegelwand steht er da, ein bisschen großspurig, ziemlich argwöhnisch und augenscheinlich zu einhundert Prozent massiv. Aber wenn er schon einmal da ist, kann er auch als Sichtschutz dienen. Also schummle ich mich um ihn herum, sodass er sich mitdrehen muss und damit zur Wand zwischen mir und den Parkers wird. Erst dann traue ich mich zu antworten. „Ma’am?“

Ich weiß, der Mangel an Schlaf tut meinem Gesicht nicht gut, aber sehe ich wirklich aus wie eine Ma’am? Andererseits wurde ich erst gestern als junges Gemüse bezeichnet. Da gefällt mir Ma’am doch besser. Die Mauer hebt eine Augenbraue, ein Lächeln umspielt seine Lippen. Schöne Lippen, unter noch schöneren Wangenknochen. Wie die von Johnny Depp. Also dem sexy Fluch der Karibik-Depp, nicht dem Alice im Wunderland-Depp. Andererseits trägt er kein Make-up, ist etwa 30 Jahre jünger als Depp und sieht weit besser aus. Okay, der Vergleich hinkt ein wenig. Viel interessanter als seine Lippen, Wangenknochen und sonstigen Attribute ist jedoch der dampfende Becher in seiner Hand, den ich lüstern beäuge. „Hast du von dem schon getrunken?“, frage ich, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Also den Becher. Peripher nehme ich das Kopfschütteln meines Gegenübers wahr und spreche ein leises Dankgebet. Wie bei einem Junkie fangen meine Hände an zu zittern, so sehr brauche ich diesen Kaffee. Das Zittern könnte auch noch eine Resterscheinung von heute Früh sein, aber daran will ich eigentlich gerade nicht denken. „Okay, dann schulde ich dir jetzt einen Kaffee.“ Bevor ich selbst begreife, was ich tue, entwende ich dem Typen bereits den Becher und führe ihn stöhnend an meine Lippen. Vorsichtig luge ich dabei unter den Wimpern hinauf, um die Reaktion der Mauer abzuschätzen. Seine Augen sind geweiteter als vorhin, das Lächeln verschwunden. „Es tut mir so leid“, beginne ich, nachdem das Koffein meine Nerven durchströmt und beruhigt. „Ehrlich! Ich bin nicht immer so. Andererseits behaupten das doch alle, also was heißt das schon.“ Meine Johnny-Depp-Version schüttelt erneut den Kopf, zum Glück wieder etwas belustigter, und ich reibe mir die Stirn. „Wie um alles in der Weltkönnte man vermuten, dass ich Hilfe brauche?“

Er braucht ein paar Sekunden, ehe er antwortet. „Du versteckst dich hinter einem Kaffeeautomaten. Ich vermute vor dem Paar hinter meinem Rücken.“ Die Antwort hätte auch ganz anders ausfallen können, so wie ich mich vor ihm gerade gebe. 

„Was?!“ Meine Stimme klingt etwas schrill, ehe ich eine wegwerfende Handbewegung mache und meine Mauer dann neu platzieren muss, weil die Parkers sich bewegt haben. Maaaaann, hat der Muskeln. „Oh! Nein, das sind meine …“ Meine was? Will ich jetzt vor diesem Fremden wirklich ins Detail gehen? „Eltern“, sage ich schließlich, weil mir auf die Schnelle keine kürzere Erklärung einfällt. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen entgeht mir nicht, als er zuerst zu den Parkers sieht und dann skeptisch zurück zu mir. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die beiden afroamerikanische Wurzeln haben, wohingegen ich blond und blauäugig bin. „Zweiten Grades“, werfe ich nach und beiße mir auf die Zähne. Was zur Hölle ist los mit mir? Mein Gegenüber amüsiert sich jedenfalls prächtig, kaut an seiner Wange, um das Schmunzeln zu minimieren. „Und ich verstecke mich nicht, sondern umgehe lediglich eine Unterhaltung. Wenn sie mich jetzt hier sehen mit dem Kram in meiner Hand, den ich nicht erklären kann, ohne zu viel zu sagen, werden sie sich Sorgen machen und Fragen stellen und mir anbieten, zurückzukommen. Sandy wird mir morgen fünf Schachteln Ahornsirup-Speck-Donuts vorbeibringen und dann sauer werden, weil ich die nicht alle auf einmal essen kann. Ich meine, ja, es gibt tatsächlich nichts auf der Welt, das besser schmeckt als diese Donuts, aber niemandauf diesem Planeten schafft dreißig Stück davon. An einemTag.“

Ich kann den Gesichtsausdruck gar nicht erklären, der sich mir nach dieser Ansprache bietet. Müsste ich ihn einordnen, läge er irgendwo zwischen besorgt und entsetzt. „Also brauchst du keine Hilfe.“

„Nein. Danke.“ Ich atme tief aus und könnte schwören, er tut es auch. Anstatt aber einfach das bisschen Würde zu nehmen, das ich übrig habe, und damit zu verschwinden, jetzt, wo die Parkers außer Sichtweite sind, muss ich schon wieder den Mund aufmachen, weil mir ein weißer Farbtopf neben seinen Füßen ins Auge springt. „Wo hast du den denn her?“, frage ich verstört. „Ich suche schon seit Stunden nach Farbe und habe keine Ahnung, wo in diesem endlosen Irrgarten ich sie finden sollte.“ Ich meine, ist es zu viel verlangt, die Gänge für das weibliche Volk zu beschriften? 

„Kommt drauf an, was du bemalen willst? Eine Wand? Eine Tapete? Ein Bild?“ 

Beim letzten Vorschlag kneife ich böse die Augen zusammen. Was ist es bloß mit den Männern und ihrem Machogehabe, wenn es um Werkzeug und Maschinen geht? Andererseits habe ich ihm mit meinem Auftreten in den letzten zwei Minuten auch das Gefühl gegeben, ich käme frisch aus der Irrenanstalt. „Meine Tür.“

„Du willst deine Tür anmalen?“ Jap, den Blick kenne ich inzwischen bereits. Definitiv entsetzt. 

„Ja. Rot. Da ist etwas drauf, was ich weghaben will. Die ist aus Holz, und Schrubben hat nicht geklappt, also …“ 

Er blinzelt mich ein paar Mal an, überlegt wahrscheinlich, ob er mich für voll nehmen oder einen Arzt rufen soll und ja, wahrscheinlich habe ich wirklich inzwischen den Verstand verloren. Paranoia und Schlafmangel lassen grüßen. Das letzte Jahr war hart. Es gab immer wieder subtil schräge und eindeutig gezielte Ereignisse, die mich an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen sollen, allerdings lediglich den Hass in mir schüren, weil ich genau weiß, wer es auf mich abgesehen hat. Es wird jedoch immer persönlicher, kranker. 

Vielleicht habe ich mir also alles nur eingebildet. Ich kneife die Augen zusammen, murmle mir selbst zu, aus diesem Albtraum aufzuwachen, und blicke dann erwartungsvoll auf meine rechte Hand. Die Farbe ist immer noch drauf. Kacke. 

„Ähm, okay. Prinzipiell würde man dafür Lack verwenden, aber das ist ziemlich aufwendig, weil man das Holz vorher bearbeiten muss. Wenn es also einfach um Rückstände von …“

„Graffiti“, unterbreche ich. 

„Dann würde ich es erst einmal mit einem speziellen Schwamm für Holz und Anti-Graffiti-Mittel versuchen, bevor du dir die Arbeit antust. Ansonsten findest du Wandfarbe und Lacke, wenn du nach dem Eingang den Gang links nimmst.“

„Anti-Graffiti-Mittel? So was gibt es?“ Das klingt einfacher, als es wahrscheinlich sein wird. Trotzdem komme ich mir jetzt umso bescheuerter vor. „Okay. Danke. Du warst hilfreicher als der Mitarbeiter, den ich gefragt habe.“ Der Typ vor mir nickt. „Also dann … danke. Für den Kaffee.“

„Kein Problem“, erwidert er höflich. „Und du schuldest mir trotzdem drei Dollar“, setzt er nach, einen Mundwinkel hochgezogen. Mit einem verlegenen Grinsen mache ich auf der Sohle kehrt, um endlich hier wegzukommen. „Hey! Ma’am?“, ruft mir der Typ nach. Warum will ich kichern wie ein Schulmädchen, wenn er das zu mir sagt? Als ich mich zu ihm umdrehe, zeigt er mit dem Daumen über seine Schulter und zwinkert freundlich. Lächelnd beiße ich mir auf die Unterlippe, ziehe die Nase kraus und gehe an ihm vorbei. Dabei proste ich ihm mit meinem, oder eher seinem, Kaffee zu. Und noch als ich lange an ihm vorbei bin, fühle ich, wie die Hitze seines Blicks mir ein Loch in den Rücken brennt. 

 

Kapitel Drei

Eric

„Du warst gestern schon wieder bei deiner Mom essen? Ohne mich?“, fragt mich mein Kumpel und neuer Mitbewohner Matt enttäuscht und boxt mir fest gegen den Oberarm. Eine ältere Frau, die in Hörweite vor uns hergeht, sieht sich mit gefurchter Stirn kurz über die Schulter, um uns beide abzuchecken. Vermutlich denkt sie, wir sind schwul oder so etwas. Gut, dass es mir scheißegal ist, was andere über mich denken. Insbesondere, wenn diese Leute nicht das Geringste über mich wissen. Zum Beispiel, dass Matt der beste Freund meines kleinen Bruders ist und wir Nachbarn sind, seit ich drei war. Dass er meine Mom besser kennt als seine eigene und von ihr auch weitaus besser behandelt wurde. Dass er genauso nervtötend wie mein eigener Bruder ist und mir ebenso am Herzen liegt. 

„Ja und ja“, beantworte ich jedenfalls seine Fragen und werfe der Frau vor uns einen Blick zu, der andeutet, dass sie sich ihren herablassenden Gesichtsausdruck in den Arsch schieben kann.

„Gab es Buffalo Wings?“, hakt Matt weiter nach, woraufhin ich die Augen verdrehe.

„Jap.“

„Mit ihrem berühmten Dip?“ Ich mache einen zustimmenden Laut. „Und du hast mir keine mitgebracht?“

„Nö.“

Er schnalzt mit der Zunge. „Du bist ein Scheißfreund. Ich brauche einen neuen.“ Ich lache über die dramatische Ader, die mir die vergangenen Monate abgegangen ist und folge ihm in das Restaurant, in das er mich unbedingt zum Mittagessen schleppen wollte. 

„Seit wann stehst du so auf diesen Diner? Diner allgemein?“ Ich war hier noch nie und er bis vor Kurzem auch nicht, soweit ich das mitbekommen habe. Prinzipiell ist es mir völlig gleich, wo ich etwas zu futtern bekomme, solange es amerikanisches Essen gibt, denn das hat mir während meiner Stationierung weit mehr gefehlt als Matts Dramatik. Ich brauche Fett, Kalorien und Fleisch. Allerdings fühle ich mich inzwischen an Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen, tierisch unwohl. Könnte damit zusammenhängen, dass ich in den letzten zehn Monaten praktisch jeden verdammten Tag damit beschäftigt war, mir, meinen Mitsoldaten und einem Haufen freiwilliger Helfer den wütenden Mob vom Leib zu halten. Dauert nicht lange, bis man da jeden als potenzielle Bedrohung betrachtet, und das kann verflucht anstrengend sein. Da hilft auch nicht die Woche Reintegration, die wir machen mussten, ehe wir zurück in unsere Welt entlassen wurden. Der Scheiß wird mich noch lange beschäftigen. Das weiß ich aus Erfahrung. Und dieser Diner beherbergt für meinen Geschmack zu viele Leute. Hauptsächlich männlich mit Kappen. Truckdriver schätze ich. Außerdem viele ältere Pärchen. Einen Tisch mit jüngeren Leuten, etwa unser Alter. Ein nervtötendes Stimmengewirr. Gefährdet fühle ich mich bei der allgemein positiven Atmosphäre, die mir hier entgegenströmt, nicht.

„Ich will dir jemanden vorstellen, der hier arbeitet“, unterbricht Matt meine Gedanken, während er auf eine bestimmte Ecke zusteuert und dort in die letzte freie Nische rutscht. 

„Deine Freundin?“ Irgendetwas hat er in ein paar Mails erwähnt. Ganz durchgeblickt habe ich jedoch nicht.

„Meine … keine Ahnung, was.“

Okay, es lag also nicht an meiner Unaufmerksamkeit. Er weiß es einfach selber nicht. „Ach ja, der ominös komplizierte Beziehungsstatus.“ Das waren seine Worte.

„Eigentlich ist es nicht kompliziert, wenn man es nicht kompliziert macht. Ich mag sie. Wir sehen uns öfter. Sie will nichts von mir.“

Ich muss sagen, ich bin ein bisschen beeindruckt von dieser mysteriösen Fremden. Noch nie habe ich Matt so ausdauernd und geduldig in Bezug auf ein Mädchen erlebt wie in diesem Fall. 

„Und das ist okay für dich?“

„Na ja, ich warte ja nicht auf sie oder so. Sie weiß, dass ich mich auch mit anderen Mädels treffe. Wir sind halt … Freunde. Sie ist cool, aber auch irgendwie problembeladen.“

Er kratzt sich den Kopf, als ich eine Augenbraue hebe. Problembeladen klingt kompliziert, und das ist etwas, womit Matt normalerweise nicht umgehen kann. Dieses Mädchen muss für ihn also ziemlich besonders sein. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass Tina dir keine Wings für mich mitgegeben hat. Sie weiß, wie sehr ich die liebe.“ Er lenkt ab, weil das Thema ihm unangenehm wird. So ist es immer bei Matt.

„Mhm“, töne ich gelangweilt und sehe auf die Speisekarte.

„Sie hat gefragt, richtig? Sie hat dir welche angeboten, und du hast abgelehnt.“ Sein Ton wird vorwurfsvoll, und ich lache geräuschlos auf. 

„Reden wir gerade wirklich seit fünf Minuten über die Buffalo Wings meiner Mutter? Kauf dir doch einfach hier welche!“

Jetzt ist er es, der das Gesicht verzieht wie ein Fünfjähriger, der keine Schokolade bekommt. „Ihre sind aber die besten“, murmelt er.

„Matt!“, erklingt eine helle Stimme hinter meinem Rücken und bei dem Grinsen, das Matt sofort aufsetzt, ist es nicht schwer zu erraten, wer uns bedient. „So eine Ehre. Ich weiß, du isst viel lieber italienisch.“

„Ja, aber für meinen Freund hier mache ich gerne Ausnahmen“, erklärt er, als das Mädchen nun auch mein Sichtfeld erreicht. Klein, zierlich, blond, riesige blaue Augen. Verflucht schön und genauso verwirrend. Die Kaffeediebin von heute Morgen.

„Ma’am“, grüße ich absichtlich betont, weil die witzigste und zugleich schrägste Unterhaltung meines Lebens damit begonnen hat. 

„Johnny?!“, sagt sie mit geweiteten Augen, und ich ziehe die Brauen zusammen.

„Wer ist Johnny?“, kommt Matt mir zuvor, woraufhin das Mädchen lacht und sich das Kinn kratzt. 

„Eric“, stelle ich richtig und strecke ihr die Hand entgegen.

„Sorry. Grace“, erwidert sie. „Johnny war der Name, den ich dir in meinem Kopf gegeben habe, weil ich dich nicht ständig als der Typbezeichnen wollte.“ Als sie mit sich selber über mich geredet hat, oder was meint sie damit? 

„Ihr kennt euch?“, wirft Matt ein, beugt sich interessiert nach vorne.

„Ich habe ihn heute Morgen beim Shoppen im Baumarkt getroffen.“

Pfft. Ich erschaudere innerlich über diese Wortwahl. „Shoppen? Das klingt, als hätte ich mir eine Handtasche ausgesucht oder so.“

Grace legt den Kopf schief und leckt sich über die Lippen, sichtlich amüsiert. „Okay, sorry, ich bin ihm begegnet, als er auf einem ultramännlichen Trip durch den Baumarkt war.“ Ich hebe anerkennend einen Mundwinkel.

Matt pfeift durch die Zähne. „Grace? Im Baumarkt? Du hasst Baumärkte.“

„Tue ich auch, aber ich brauchte ein paar Sachen.“

„Sag bloß, du malst schon wieder eine Wand an?“

Ihre Augen flattern kurz zu mir, ehe sie ein paar Mal blinzelt und wieder Matt fixiert. „M-hm.“ Warum lügt sie? Sie hat doch gesagt, es gehe um ihre Tür.

„Faszinierend, wie du in einer Einzimmerwohnung immer wieder Wände zum Ausmalen findest.“ Grace senkt für den Bruchteil einer Sekunde den Blick, ebenso kurz zucken ihre Brauen. Als hätte er sie mit der Bemerkung irgendwie verletzt. Allerdings lässt sie sich nichts anmerken, als sie ihn wieder ansieht.

„Was darf ich euch denn bringen?“ Ihre Augen wandern zurück zu mir. Sie sieht nicht einmal schuldbewusst drein. Zählt Matt auch zu denjenigen, die sich keine Sorgen um sie machen sollen? „Der Kaffee geht auf mich“, ergänzt sie schmunzelnd, und ich kenne mich sofort aus. Prinzipiell ist es mir schnurzegal, wenn Fremde von meinen Sachen essen oder trinken. Wer damit Probleme hat, sollte nicht zur Army gehen. Dass sie mir heute Morgen aber einfach den Kaffee aus der Hand genommen und davon getrunken hat, überraschte mich dennoch. Und das heißt einiges, denn mich überrascht nur noch wenig. Nicht nur, weil es unvorsichtig ist, aus Bechern eines fremden Kerls zu trinken, sondern schlichtweg auch dreist. So etwas traut sich nicht jeder. Die paar Minuten erheiternde Unterhaltung, die sie mir beschert hat, haben es jedoch wettgemacht.

„Ahornsirup-Speck-Donuts“, bestelle ich, obwohl ich die Dinger nie im Leben essen würde. 

Das Schmunzeln wird zu einem breiten Lächeln, bis Matt sich angewidert an mich wendet. „Alter!“ 

Grace ignoriert ihn und schüttelt den Kopf. „Die haben wir hier leider nicht. Aber Pancakes mit demselben kann ich dir anbieten.“

„Haben die im Ausland Versuche mit deinen Geschmacksnerven angestellt?“, will Matt lachend von mir wissen. 

Ich zucke lediglich mitden Schultern. „Laut deiner Freundin gibt es nichts Besseres auf der Welt.“

„Oh Mann! Das ist echt ekelhaft, Grace.“

„Wa …“, stammelt sie und sieht entgeistert zwischen uns hin und her. Ihr verstörter Blick wäre fast süß, wenn es mich nicht noch immer nerven würde, dass sie gerade vor mir gelogen hat. „Eure Gesichtersind ekelhaft“, gibt sie zurück. Matt lacht lauthals los, und auch ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das Mädchen mag nicht besonders schlagfertig sein, witzig aber in jedem Fall. 

„Hör nicht auf die jungen Dinger, Grace!“, mischt sich ein alter Mann vom Nebentisch ins Gespräch ein. „Es gibt nichts, was Pancakes mit Ahornsirup und Speck nicht wieder in den Griff bekommen könnten. Mir darfst du gerne welche bringen.“

Ich beobachte, wie Grace‘ Gesicht wieder aufleuchtet, als sie vor dem Mann einen anerkennenden Knicks macht. „Ich dachte, Sie hätten Hörschwierigkeiten, Mr. White?“

„Nur, wenn meine Frau dabei ist. Aber sag ihr nichts davon“, erklärt er, und Grace lacht herzhaft. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie Matt mich anschielt, ehe er die Arme verschränkt. Er missinterpretiert wahrscheinlich gerade, wie ich Grace mustere. Dabei will ich mir einfach ein Bild von diesem Mädchen machen. Wissen, woran ich mit ihr bin. Ob sie ehrlich ist oder durch den Test fällt. Momentan stehen ihre Chancen nicht besonders gut, den Test zu bestehen.

Matt lehnt sich grinsend zurück. „Hey Grace, wusstest du, dass Eric ein Cop ist?“ 

Ich will ihn fragen, ob er gesoffen hat, oder weshalb er so blöd grinst, als er das sagt. Allerdings bleibt mein Blick schon wieder an Grace hängen. Ihre Reaktion ist nämlich weitaus interessanter. Ihre blauen Augen blitzen eiskalt auf, ihr Lächeln verrutscht und sie tritt einen kleinen Schritt zurück. Dann sieht sie auf die Speisekarten, die auf dem Tisch liegen, und glättet ihre Schürze. „Aha. Schön für dich. Wenn ihr dann wisst, was ihr essen wollt, meldet euch, okay?“ Von warmherzig zu absolut distanziert in drei Sekunden.

Mir gegenüber grunzt Matt inzwischen in seine Faust und greift mit der freien Hand nach Grace‘ Arm, um sie festzuhalten. Worum zur Hölle geht es bei den beiden gerade? 

„Sorry, Grace, aber das wird einfach nie alt“, haut Matt sich weg, wohingegen sie es nicht sonderlich lustig zu finden scheint. „Grace hasst Cops.“ Diese Erklärung galt mir.

„Warum?“

„Spielt das eine Rolle?“ Ihr Ton hat sich um hundertachtzig Grad verändert. Wo er vorher noch spielerisch und gut drauf war, ist er jetzt gespickt mit Kälte und Zurückhaltung. 

„Ihr Ex war wohl einer und dürfte eine ziemliche Flasche gewesen sein.“ Es ist wieder Matt, der für sie antwortet. Irgendwie nervt es mich, dass er sie hier gerade gewissermaßen vorführt. Noch dazu, wo die Geschichte ganz klar Bullshit ist. So wie sie sich in die Wange beißt und zum Nachbartisch hinüber sieht, ist die Story erfunden. Das, oder es steckt ein Haufen mehr dahinter, als dass der Kerl bloß eine Flaschewar.

„Darf ich dann vielleicht auch mal bestellen?“, fragt ein anderer Kerl zwei Tische weiter ungeduldig und Grace entschuldigt sich mit einer Geste. 

„Ich bringe euch dann den Kaffee“, meint sie kühl und geht zum wartenden Gast.

„Wow. Sie hat dich echt gern“, murmelt Matt, unsicher, ob er das jetzt gut oder schlecht findet.

„Erstens: Was sollte der Müll? Und zweitens: Was zum Geier ist ihr Problem mit Polizisten?“

„Keine Ahnung. Ich dachte, es wäre witzig. Scheinbar war’s das nur für mich. Also, sorry. Und mehr als ich dir eben gesagt habe, weiß ich auch nicht. Aber als wir vor einiger Zeit mal gemeinsam unterwegs waren, hat irgendein Arsch ihre Tasche geklaut. Ich musste sie regelrecht zwingen, mit mir auf die Wache zu gehen. Ich meine, ihre ganzen Karten, Führerschein, Ausweise waren weg. Wir haben einen Cop erwischt, dem sein Job und ihre Tasche scheißegal waren, und Grace war total patzig. So hatte ich sie noch nie erlebt. Ehrlich, der Typ war kurz davor, sie über Nacht dortzubehalten.“ 

Ich kann nicht einmal sagen, dass ich mir das nicht vorstellen kann, denn ich kann die Kleine wirklich nicht einschätzen. Und ich kann es überhaupt nicht leiden, Leute nicht einschätzen zu können. „Und du hinterfragst das nicht?“

Matt zuckt mit den Schultern. „Ich bin nicht du, Eric. Ich mache nicht aus jedem Gespräch ein Verhör.“ Selbstzufrieden nickt er und hebt wiederholt die Brauen. „Checkst du’s? Cop? Verhör?“ Ich fixiere ihn lediglich ungläubig. „Außerdem müsstest du doch am besten wissen, dass eine Menge Leute Probleme mit Cops haben.“

Das ist wahr. Aber es sind eben zu neunundneunzig Prozent genau dieLeute, die Dreck am Stecken haben.

Grace bleibt mit ihrem Tablett am Nebentisch stehen und bringt zuerst dem alten Mann eine Cola. „Wo ist Ihre Frau denn heute, Mr. White? Ich hoffe, sie ist nicht krank?“ Wieder dieser authentische, freundliche Gesichtsausdruck, den ich ihr tatsächlich abkaufe. 

„Sie bringt meine Hörgeräte zur Reparatur. Glaubt, die müssen eine Störung haben, weil ich sie immer noch nicht verstehen kann.“ Die beiden lachen, und Grace tätschelt die Schulter des Alten, bevor sie zu uns kommt. Ihre Haltung ist nun wieder reserviert, während sie unseren Kaffee auf den Tisch stellt. 

„Grace, hör zu. Eric ist kein Straßencop oder so“, klärt Matt auf. „Auch wenn er gerne mal einer werden will.“ Er zwinkert mir zu. Das ist wieder nicht richtig. Aber ich habe nicht wirklich das Bedürfnis, ihr das zu erklären. Mich zu erklären. Wie gesagt, es ist mir scheißegal, was andere von mir denken. Wenn sie ein Problem mit meiner Berufswahl hat, dann ist es genau das: IhrProblem. Nicht meines. „Er ist Militärpolizist und gerade aus Syrien nach Hause gekommen.“ Wenn es nach mir geht, muss er gar nicht weiter ins Detail gehen. „Und er sieht zwar scheiße aus“, lacht der Saftsack, „aber er ist wirklich ein guter Kerl. Also hoffe ich, du gibst ihm trotz meines Intros eine Chance.“ Sie linst unter ihrem dichten Wimpernkranz zu mir herüber und schluckt. Dutzende Emotionen spielen sich in ihren Augen ab, darunter auch Unsicherheit. „Am Wochenende schmeiße ich bei uns eine kleine Willkommensparty für ihn, und es wäre cool, wenn du vorbeischaust.“

Grace zieht die Nase hoch. „Bist du dir sicher, dass du mich dort haben möchtest?“, richtet sie leise an mich.

„Matt hat dich eingeladen, also …“ Matt tritt mir unter dem Tisch gegen das Schienbein. Wenn das ihr Friedensangebot sein sollte, habe ich ihr mit dem Spruch den Wind aus den Segeln genommen. Vor den Kopf gestoßen, bleibt ihr Mund leicht offenstehen, bevor sie ihn demonstrativ schließt und die Lippen zusammenpresst. Normalerweise bin ich weit diplomatischer. „Aber ja, vielleicht können wir dann von vorne anfangen“, lenke ich ein, wobei sie immer noch verletzt dreinschaut. Es passt mir nicht, dass mir ihre Reaktion wichtiger ist, als sie sein sollte.

„Außerdem werden Melissa und ihr Freund Lawrence auch da sein. Und wenn er ein Arsch zu dir sein sollte, trete ich ihm in die Eier, okay?“

Grace schmunzelt schwach. „Das hört sich mal nach einem guten Plan an.“ 

„Und jetzt nehmen wir bitte zwei Riesencheeseburger mit einer dreifachen Portion Pommes.“ 

„Ich bekomme dann dasselbe“, ergänze ich Matts Bestellung. Grace weitet die Augen, was ich mit einem Schulterzucken quittiere. Was soll ich sagen? Ich habe einiges nachzuholen. „Ach, und Grace? Ich gebe dir zehn Dollar Trinkgeld, wenn du bloß in seinEssen spuckst.“ Als sie sich wegdreht und mich mit zu Schlitzen verengten Augen frech über die Schulter hinweg ansieht, frage ich mich, wie problematischdieses Mädchen für mich noch werden könnte. 

„Tja, Officer, dieses Angebot hättest du mir wohl machen sollen, bevorich dir den Kaffee gebracht habe.“ Jetzt kann ich mir mein Lachen nicht mehr verkneifen. 

Von allen möglichen Dingen, die sie darauf hätte sagen können, entscheidet sie sich für etwas, das ich am wenigsten erwartet hätte. 

 

 © Jessica Winter