k blogIch freue mich schon sooo auf den 1.11. - jetzt ist es ja zum Glück nur mehr eine Woche bis zur Veröffentlichung von "Solange du bleibst" und exklusiv für euch habe ich heute die letzten Textschnipsel aus Kapitel 3 diesmal, bevor ihr es endlich komplett lesen könnt :)

Ich freue mich schon auf eure Rückmeldungen zum Buch :)

 

Julia

Da ich genau wie letzte Nacht erneut über eine Stunde

meine altbekannten Möglichkeiten des Zählens, Singens, Betens und Umhergehens ausgeschöpft habe, springe ich über meinen langen, stolzen Schatten und klopfe das, was ich als sein Gummibärenlied in Erinnerung habe. Kurz darauf höre ich schon seine Türe aufgehen und sehe, wie sich meine eigene öffnet und wieder verschlossen wird.
„Nichts für ungut, aber diese Klopfgeräusche werden immer alberner. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll. Ehrlich.“
Ich kichere verlegen und halte mir die Hand vor den Mund, um nicht zu laut zu sein. Es fasziniert mich selbst, welche Leichtigkeit ich spüre, sobald jemand mit mir im selben Raum ist. „Du bist trotzdem hier, wie man sieht.“
Er hebt die Hände und lässt sie theatralisch auf die Oberschenkel klatschen. „Weil ich verhindern musste, dass du mein Lied weiter verunstaltest.“ Ich beiße mir lediglich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen, und schüttle missbilligend den Kopf. Er sinkt auf seine gewohnte Stelle neben dem Bett auf den Fußboden hinab, mit dem Rücken zu mir und den Beinen ausgestreckt. Den Kopf lässt er in den Nacken fallen.
„Was hast du geträumt?“, fragt er nach ein paar Atemzügen.
„Zuerst von Josh. Später von fallenden Sternen“, antworte ich heiser. Jeremy dreht sich um und stützt sein Kinn auf den Fäusten ab. Forschend und fragend sieht er mich an, wartet jedoch geduldig, bis ich es erkläre. „Mit jedem erloschenen Licht am Himmel starb ein Traum. Und es waren so viele. Nicht nur meine, sondern viel wichtigere. Die von Josh, Gracie, deine … Und es tat so weh zuzusehen, wie sie vom Himmel buchstäblich ins Wasser fielen.“ Einen Moment halte ich inne.
„Als wir vor ein paar Tagen über die Juilliard gesprochen haben, war ich ehrlich gesagt wirklich ermutigt und wagte es ein klein wenig zu hoffen. Ich hatte vor, die Bewerbung, die ich schon vor Monaten geschrieben habe, doch noch abzuschicken. Ich hätte es versucht. Außer nicht genommen zu werden hätte nichts passieren können, aber jetzt … “
Jetzt hat mir meine Mom das Balletttanzen endgültig erfolgreich genommen. Das wollte sie ja bereits vor Jahren, und nun weiß sie nicht einmal, dass es ihr endlich gelungen ist. Ich bin nicht in der Lage zu trainieren, und selbst wenn ich in zwölf Wochen wieder tanzen kann, sind die Castings schon lange vorbei.
„Ich weiß sehr gut, wie es dir geht, Jules!“ Auch er hatte andere Pläne für sein restliches Schuljahr, für die Universität. Er wollte weiterhin Football spielen. Der Unterschied ist nur, er wurde nicht durch seine eigene Familie verletzt und dadurch an der Verwirklichung seiner Träume gehindert.
„Ich könnte jetzt so weise antworten wie du vor ein paar Tagen und dir versichern, dass dies deinen Wert nicht mindert und so, aber erstens bin ich ein Kerl … “ Er zwinkert, und ich lächle. „Und zweitens hoffe ich, dass du deine Worte genauso auch für dich selbst annimmst.“ Fragend hebt er die Augenbrauen.
„Ich gebe mir Mühe“, antworte ich leise.
„Okay, das ist ja schon ein Anfang. Und jetzt … “ Er steht auf, und ich sehe verwirrt dabei zu, wie er aus dem Zimmer verschwindet, die Türe aber offen lässt und einige Sekunden darauf mit einer DVD und einem dazugehörigen Gerät in den Händen aus seinem Zimmer zurückkehrt.
„Jetzt tun wir etwas für deine Allgemeinbildung. Irgendetwas musst du ja schließlich auch von mir lernen.“ Er winkt mit der DVD der Gummibärenbande, bevor er den DVD-Player an den Fernseher anschließt und die erste Disc hineinschiebt.
„Wehe, du schläfst dabei ein!“, warnt er humorvoll, doch ich weiß, dass er sich genau das für mich wünscht und wahrscheinlich auch darauf abzielt. Ehrlich gesagt, will ich aber nicht einmal die Augen zum Blinzeln zumachen. Zu lebhaft und nah sind die Scherben der Erinnerung an meine Träume.
Mit der Fernbedienung in der Hand platziert er sich wieder auf dem Boden und wählt die erste Folge aus. Mit schlechtem Gewissen sehe ich ihm dabei zu, wie er in den kurzen Boxershorts und dem einfachen T-Shirt auf dem kalten Untergrund sitzt und versucht, dort eine bequeme Position einzunehmen. Ich stemme mich an meiner guten Seite auf der Matratze hoch und rutsche zögernd mit meinem Körper dicht an die Wand, bis mein Arm die kalte Mauer berührt. Das gibt Jeremy gute achtzig Zentimeter Platz neben mir und mir genügend Raum, um mich nicht beengt oder eingeschnürt zu fühlen. Als ich mir sicher bin, dass ich damit fertig werde und es für mich in Ordnung ist, mit ihm im gleichen Bett zu sein, räuspere ich mich.
„Es ist okay, wenn du dich aufs Bett setzt. Hier ist genügend Platz, und da unten ist es kalt.“ Jeremys Blick schnellt zu mir hoch, als ein dreistes Lächeln seine Lippen umspielt. Augenblicklich frage ich mich, ob ich meine Aussage bereits bereuen sollte.
„Julia!“, lacht er belustigt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du die Dinge so schnell angehst.“ Er zuckt wiederholt mit den Augenbrauen. Sofort schnappe ich nach Luft, um klarzustellen, dass ich es nicht in dieser Art gemeint hatte, doch dann zwinkert er, also mache ich bloß ein finsteres Gesicht.
„Du hast recht. Bleib lieber dort. In dir habe ich das überzeugendste Argument für getrennte Betten gefunden.“
„Ah! Du stellst dir also schon vor, wie wir beide als Marzipanfiguren auf unserer Hochzeitstorte aussehen würden, was?“
„Ja klar, darf ich dann mein erstes Magengeschwür nach dir benennen?“ Jeremy pfeift amüsiert durch die Zähne und rappelt sich auf, um sich neben mich zu setzen. Unauffällig achtet er ebenso darauf, mir genügend Freiraum zu lassen, und kommt auch nicht auf die Idee, meine Decke über seine wahrscheinlich frierenden Beine zu heben. Stattdessen überkreuzt er sie und legt seinen Arm hinter meinem Kopf auf die Lehne. Ich verziehe meine Augen zu schmalen Schlitzen.
„Wir sitzen hier, klar? Versuchst du irgendwie lustig zu sein und mich anzugraben, kratze ich dir die Augen aus.“
„Weißt du was, das glaube ich dir aufs Wort. Aber keine Angst, ich habe dich schon längst durchschaut, Kleine.“ Bei diesen Worten macht er ein klickendes Geräusch mit seiner Zunge und lacht, als ich ihm spielerisch eine über den Kopf ziehe.
„Vielleicht solltest du besser in Glasreiniger investieren, denn deine Sicht ist ganz offensichtlich verklärt.“ Er lacht und schüttelt den Kopf, verharrt aber ruhig, als die Titelmelodie im Fernseher angespielt wird. Sein Kopf wippt ganz leicht, und seine Lippen formen die Wörter des gesungenen Textes, wie ich aus den Augenwinkeln beobachten kann. Als ich lospruste, werde ich schnell durch den stechenden Schmerz in meiner Seite bestraft, trotzdem grinse ich nach wie vor, als er böse zu mir blickt.
„Ehrlich, dir dabei zuzusehen, wie du in dein vierjähriges Ich zurückkehrst, fasziniert mich noch mehr als die Tatsache, dass du die Serie mit deinen mittlerweile zehn Jahren immer noch siehst.“
Aus Jeremys Kehle dringt ein tiefer Laut, bevor er ein Lächeln vortäuscht. „Mmh, Scherzkeks. So, während dieser Serie ist Sprechen verboten. Steht extra hinten auf dem Cover.“
„Weil man sonst essenzielle Dinge verpassen könnte?“, spotte ich, doch er ignoriert meinen Ton gekonnt und sieht wieder nach vorne.
„Exakt, und jetzt sei leise.“ Also reiße ich meinen Blick von ihm und sehe mir seine kindische, aber niedliche Lieblingsserie mit ihm an. Dabei lächle in mich hinein, da es das erste Mal seit einiger Zeit ist, dass wir wieder so richtig Spaß miteinander haben. Ich möchte in seiner Gegenwart nicht immer nur traurig oder launisch sein, sodass er denkt, mich mit Samthandschuhe anfassen zu müssen. Dafür genieße ich diese Art des Schlagabtauschs zwischen uns viel zu sehr.
Fünfundneunzig Minuten und viereinhalb Gummibärenbandefolgen später liegen wir doch schon eher, als dass wir sitzen. Endlich fühle ich, wie diese wohlige Schläfrigkeit über mich kommt, und erlaube meinen Augen zum ersten Mal seit Stunden, sich zu schließen. Ich warte auf die Panik, die Bilder meiner Träume, meine flehenden Schreie, dass es aufhören möge, doch nichts passiert. Alles, was ich fühle, ist die enorme Wärme, die mein persönlicher Heizkörper namens Jeremy ausstrahlt, der ebenfalls mit verschränkten Armen dagegen anzukämpfen scheint, dem Schlaf nachzugeben, sowie die Ruhe, die sich in mir ausgebreitet hat, seit er neben mir liegt.
Ich muss kurz weggedöst sein und mich im Schlaf gedreht haben, denn als ich die Augen aufschlage, liege ich seitlich auf etwas Hartem. Ich blinzle einige Male, um die Verschwommenheit vor meinen Pupillen loszuwerden und auf ein weißes T-Shirt und knielange, blaue „Captain America“-Boxershorts hinab zu starren. Jeremy liegt neben mir, oder besser gesagt: seine Seite liegt unter mir. Sein Arm befindet sich direkt über meinem Kopf und seine Hand, ohne dabei viel Druck auszuüben, auf meinen Haaren. Ansonsten hat er sich im Gegensatz zu mir keinen Millimeter bewegt.
Gut gemacht, Julia. Zuerst drohst du ihm, er solle sich von dir fernhalten, und jetzt wirfst du dich ihm buchstäblich an den Hals. Meine Hand liegt neben meinem Gesicht auf seiner Brust, wodurch ich seinen Herzschlag und seine Atmung spüren kann, die andere befindet sich zwischen seiner und meiner Hüfte. Bevor das Signal, mich bewegen zu wollen, bis zu meinem Gehirn vorgedrungen ist, zucken die Finger dieser Hand, weil sie wohl auch eingeschlafen sind, und berühren damit den Stoff seiner Shorts. Als ich höre, wie dabei seine Atmung kurz ins Stocken gerät, wird mein Gesicht plötzlich heiß.
Die ganze Sache ist mir nicht nur peinlich, sondern auch unangenehm, weshalb ich mich augenblicklich ruckartig von seiner Brust erhebe und versuche, mich wieder auf den Rücken zu drehen. Eine Aktion, die ich sehr bald bereue, weil sie mit umgehendem brennendem Stechen in meiner Rippengegend einhergeht. Die seitliche Schonhaltung ist eben nach wie vor unabdinglich beim Schlafen. Automatisch ziehe ich meine eingeschlafene Hand umständlich zurück und stöhne leise auf, bevor ich mich wieder fallen lassen muss und meine Stirn an Jeremys Schulter drücke, bis der Schmerz abgeklungen ist.
Jeremys Finger legen sich unter mein Kinn, und er hebt es an, bis er meine Augen gefunden hat. Seine Augen sehen müde, glasig aus. Gerötet vom Schlafentzug, aber dessen ungeachtet wunderschön und intensiv. Forschend, besorgt und trotzdem noch neckisch, weil er die Unbehaglichkeit der ganzen Situation in meinem Gesicht erkennen kann.
„Hey! Alles okay?“, fragt er mich heiser.
„Ja, alles gut“, quittiere ich seine Sorge und verziehe hingegen das Gesicht. „Tut mir leid, dass ich dich als Polster missbraucht habe.“
„Ja, ich bin schockiert. Wollte mir schon eine Schutzbrille aufsetzen, sodass du nicht so schnell an meine Augen kämst, hättest du die Situation missverstanden.“
„Wie lange habe ich geschlafen?“ Mühevoll rutsche ich näher an die Wand, um wieder Platz zwischen uns zu schaffen. Jeremy gähnt und streckt seine müden und wahrscheinlich steifen Glieder. Dann reibt er sich fest die Augen.
„Nicht lange. Fünfzehn Minuten vielleicht. Ich hoffe aber, dir ist klar, dass die letzte Folge, in der du weggepennt bist, demnach nicht als gesehen zählt.“ Ich lasse mich von seinem Gähnen anstecken und verzichte auf eine Antwort.
Er studiert mich einen Moment und lächelt seitlich. „Diese Folge sehen wir uns noch zu Ende an, okay? Dann haue ich ab.“ Ich nicke, obwohl die Vorstellung, gleich wieder alleine in diesem Zimmer sein zu müssen, ohne Hintergrundgeräusche, ohne Jeremys Wärme und die Sicherheit, die er mir durch seine Gegenwart vermittelt, grässlich ist. Ich kann aber nicht vom ihm verlangen, ewig hier bei mir zu sitzen, da er doch so müde ist. Ich werde ihn einfach bitten, das Licht anzulassen, wenn er geht. Sollte ich nicht mehr schlafen können, muss ich das eben morgen im Laufe des Tages nachholen.
Mom hat recht, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich muss aufhören, mich so sehr in diese Ängste hineinzusteigern. Vor allem nach den Fortschritten, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.
„Du darfst ruhig wieder einschlafen, Jules. Ich tue dir nichts. Versprochen!“, sagt er nach einiger Zeit, nachdem er beobachtet hat, wie meine Lider wieder schwerer werden. Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu, woraufhin er die Augen verdreht. Die Vorstellung, neben ihm zu schlafen und womöglich Geräusche von mir zu geben, die er nicht unbedingt hören muss, macht mich zwar nervös, doch größer ist der Wunsch, die bestehende Müdigkeit auszunutzen, mich einfach fallen zu lassen und so viel Schlaf wie möglich bis zum nächsten Albtraum zu gewinnen.
„Ich weiß!“, räume ich schließlich nickend ein. Er ist einer von den Guten. Der Einzige außer Josh, bei dem ich mich absolut beschützt und sicher fühle und weiß, dass er es nicht ausnützen wird. Das hat er mittlerweile mehr als einmal bewiesen.

 

© Jessica Winter