k blogHeute habe ich etwas ganz Besonderes für euch, nämlich die allerersten Textschnipsel aus "Solange du bleibst", der Fortsetzung von Julias und Jeremys Geschichte. Ich bin schon so neugierig auf eure Rückmeldungen zum 2. Band. Die meisten von euch waren geschockt über das offene Ende von "Bis du wieder atmen kannst", was zugegeben wirklich fies spannend war :D
Jedenfalls lasse ich euch nun hineinblicken in den weiteren Verlauf dieses vehängnisvollen Abends von Julia, nachdem sie aus ihrem Elternhaus entkommen ist. Wer sich nicht mehr so genau erinnern kann, darf ja vorher noch mal schnell die letzten paar Seiten lesen, um zurück ins Geschehen zu finden.
Hier kommt also der Ausschnitt aus Kapitel 1:

„Hallo?“ Ihre Stimme klingt grauenhaft, belegt und zittrig. Mein Magen verkrampft sich, als ich

wieder von der Couch hochfahre.
„Julia?“
„Es tut mir leid, ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte ...“, stammelt sie.
„Was ist passiert?“
„Ich glaube, ich habe mir etwas gebrochen.“ Verdammter Mist! Sie muss tatsächlich nach Hause gegangen sein. Ich koche vor Wut, versuche aber die Nerven zu behalten. Gleichzeitig höre ich am anderen Ende der Leitung ihre Zähne klappern, den ins Telefon pfeifende Wind. Auf jeden Fall klingt es nicht, als wäre sie jetzt noch bei ihren Eltern.
„Wo bist du gerade? Ich hole dich ab.“
„Draußen in deinem Garten. Mir ist ziemlich schwindelig.“ Sie ist hier? Ich blicke vom konsternierten Max, der mich ratlos ansieht, zur Terrassentür.
„Ich komme“, keuche ich und lege auf. Mein Herz rast, als ich das Handy auf die Couch werfe und zur Terrasse sprinte. Mit einem schnellen Ruck reiße ich die Türe auf und renne in den Garten. Bis auf das Licht, das aus dem Wohnzimmer strömt, ist es hier draußen stockdunkel, was die Suche nach Jules erschwert. Laut genug, dass sie es hören müsste, leise genug, um niemand anderen hellhörig werden zu lassen rufe ich ihren Namen, erhalte aber keine Antwort. Stattdessen vernehme ich einige Meter neben mir einen dumpfen Aufprall, der mich erzittern lässt. Ich biege um die Ecke, und meine schlimmste Befürchtung bewahrheitet sich, als ich Julia ohnmächtig im Gras liegen sehe. Beim Anblick ihres leblosen Körpers und ihres Kopfes nur Zentimeter von der Mauer entfernt, jedoch trotzdem zum Teil im Schotter des Weges, gehe ich beinahe in die Knie.
„Reiß dich zusammen!“, befehle ich mir selbst und stürze neben ihr zu Boden. Vorsichtig hebe ich ihren Kopf leicht an, um hören zu können, ob sie atmet. Mein Herz entspannt sich erst etwas, als ein leiser Laut aus ihrem Mund an mein Ohr dringt.
„Julia! Hörst du mich? Bitte wach auf!“, flehe ich und streiche ihr fahrig die zerzausten Haare aus dem Gesicht.
Hinter mir taucht Max mit der Faust vor seinem Mund und einem gequälten Ausdruck in den Augen auf. Sie wird es hassen, dass er sie in diesem Zustand gesehen hat, doch ich nehme es ihm nicht übel, dass er mir gefolgt ist. Ich hätte das Gleiche getan. Seine Fassung zurückgewonnen, hockt er sich neben mir ins Gras.
„Weißt du, wie schwer sie verletzt ist?“, will er wissen. Verärgert über mich selbst, in diesem Augenblick zu aufgewühlt zu sein, um die Ruhe zu bewahren, die ich bräuchte, schüttle ich den Kopf.
„Sie sagte, etwas sei gebrochen. Ich weiß aber nicht, was.“ Es könnte alles Mögliche sein, deswegen kann ich nicht das Risiko eingehen, sie unter Umständen durch eine falsche Bewegung gröber zu verletzen.
„Du musst mir helfen, sie möglichst flach ins Zimmer zu tragen! Und mir versprechen, niemandem davon zu erzählen, okay?“
„Jer…“, beginnt er zu protestieren, verständnislos über mein Schweigen über ihre Verletzungen, nachdem auch er nun Julias Geheimnis kennt.
„Max, bitte! Nicht jetzt!“ Ungläubig und verständnislos sieht er mich an. Schließlich nickt er, und gemeinsam schieben wir, unsere Arme unter Jules’ schlaffen Körper. Auf mein Kommando heben wir sie vom Boden auf. Durch die Terrassentür tragen wir sie ins Wohnzimmer, wo ich verbissen das Zimmer nach einem geeigneten Platz absuche, wo wir sie hinlegen können. Für eine Untersuchung sollte sie auf hartem Untergrund liegen. Max reagiert schneller als ich und steuert auf den Küchentisch zu. Nachdem er ihre Beine abgelegt hat, befreit er den Tisch von jeglichem Kram, der darauf liegt. Dann lege ich ihren Oberkörper und den Kopf vollständig ab.
Beim Anblick ihres beschädigten, zierlichen Körpers, der flachen, aber schnelleren Atmung, der blauen, rissigen Lippen und des kleinen Cut seitlich ihres Kinns drehe ich mich in Panik von ihr weg. Ich bin so wütend und zugleich absolut hilflos. Ich hätte sie nicht alleine zu diesen Monstern fahren lassen dürfen. Wäre ich doch einfach früher aufgestanden, hätte ich sie zu Grace begleitet und draußen gewartet, um mit ihr gemeinsam ihre Sachen zu holen. Nach der gestrigen Eskalation, die ich bei ihr zu Hause miterleben musste, hätte ich kommen sehen müssen, wie eine Rückkehr in das Haus ausgehen würde.
Wieder ist Max derjenige, der einen kühlen Kopf bewahrt. Er legt mir eine Hand auf die Schulter. „Jer! Du musst es deinem Dad sagen. Er soll sie untersuchen.“
Er hat recht. Sie braucht dringend einen Arzt. Selbst wenn sie mich später dafür hassen sollte, weil ich andere hineingezogen habe, kann ich das Risiko innerer Blutungen oder anderer schwerer Verletzungen nicht eingehen. Nach einem letzten Blick auf Jules hetze ich die Treppen hinauf, rufe dabei bereits nach meinem Vater. Als ich das Schlafzimmer erreiche, öffnet er die Türe und kommt mir besorgt entgegen.
„Was ist passiert?“
„Julia! Sie ist verletzt. Du musst ihr helfen. Bitte“, erkläre ich abgehackt, fühle mich dabei aber wie ein unmündiges Kind, das ohne seine Eltern total hilflos ist.
Claire erscheint hinter meinem Vater und bindet ihren Morgenmantel zu, als ich bereits kehrtmache und die Treppen hinunterspringe.
„Claire, bitte bring mir meinen Koffer!“ Dad tritt zu uns an den Küchentisch. Auch er sucht als Erstes Jules’ Puls. Ihre Lider zieht er mit dem Daumen hoch, um die Pupillen betrachten zu können. Er hebt ihren Pullover und ihr Shirt an, um sie abhören zu können. Seine Augen weiten sich beim Anblick der etlichen Hämatome auf ihrem Oberkörper.
„Wie ist das passiert?“, fragt er schockiert und schiebt die Ärmel ihres Pullovers nach oben, um weitere Blutergüsse an ihren Armen zu entdecken. Max verzieht das Gesicht. Verstört und fragend blickt er mich an und zum ersten Mal wird mir richtig bewusst, dass ich nie hätte schweigen dürfen, sondern gleich etwas unternehmen hätte müssen.
„Um Gottes willen!“, ruft Claire entsetzt, als sie Dads Koffer neben Julias Beinen aufklappt. Erschüttert, sie derart zugerichtet sehen zu müssen, werfe ich den Kopf in den Nacken und drücke meine Handballen in meine geschlossenen Augen.
„Wusstest du davon?“ Dads Stimme klingt sachlich, doch der frustrierte, enttäuschte Unterton ist unverkennbar. Beschämt nicke ich, worauf er seine Aufmerksamkeit wieder Jules widmet. „Kleinflächige Blutung im Bereich der siebten und achten Rippe.“ Er legt seine Hände auf die Stelle und tastet sie ab. „Krepitation. Die Rippen sind eindeutig gebrochen.“
Das groteske Krachen ihrer Knochen dreht mir den Magen um. Ich vergrabe meinen Kopf in meinen Händen, damit ich das Geräusch nicht mehr hören muss. Weggehen kann ich jedoch auch nicht.
„Max, vielleicht solltet ihr lieber oben warten“, schlägt Claire vor, wohl wissend, wie viel mir dieses Mädchen bedeutet.
„Nein! Ich bleibe!“
„Blaue Lippen“, unterbricht mich Dad.
Claire hebt und inspiziert Julias Hand. „Die Finger auch. Sauerstoffmangel?“
„Die Lunge könnte verletzt worden sein.“
„Vielleicht ist ihr einfach nur kalt. Sie muss zu Fuß gekommen sein und trägt keine Jacke“, stammele ich und klammere mich dabei an jeden Strohhalm, den ich fassen kann. Keiner der beiden geht weiter auf mich ein.
Dad hört sie mit dem Stethoskop ab. „Gesteigerte, asymmetrische Atmung. Keine Anzeichen eines Hautemphysems oder eines hypersonoren Klopfschalls.“
„Max! Hilf mir mal, sie vorsichtig vorzubeugen“, bittet Claire, und ich bewundere sie für ihre Ruhe. Froh darüber, dass Claire Max und nicht mich eingeteilt hat, beobachte ich meine zitternden Hände, während er Julias Körper von der einen, Claire von der anderen Seite anhebt.
„Hört sich nicht so an, als wäre Luft ins Brustfell vorgedrungen. Ich denke, wir haben Glück, und es handelt sich nur um eine Fraktur. Trotzdem fahre ich mit ihr in die Klinik und untersuche sie dort weiter“, erklärt Dad und verstaut sein Stethoskop im Arztkoffer.
„Hilf Max, sie ins Auto zu tragen, Jeremy! Wir müssen uns schnell etwas überziehen.“ Ohne mich zweimal bitten zu lassen, löse ich Claire beim Halten ab, warte, bis sie Jules Kleidung wieder in Ordnung gebracht hat, und trage sie dann mit Max zum Auto. Vorsichtig legen wir sie auf den Rücksitz.
„Ich fahre mit“, informiere ich Dad, als er mit Claire die Treppen hinunterkommt und ins Auto steigen will. Dad legt seine Hand auf meinen Kopf und sieht mich eindringlich an.
„Du bleibst hier! Während der Untersuchung kannst du ihr ohnehin nicht helfen, und ich möchte keine Fragen gestellt bekommen, die ich nicht beantworten kann. Claire wird die ganze Zeit über bei ihr sein, in Ordnung? Ich rufe dich an, sollte etwas sein.“
Selbst wenn er vielleicht sauer auf mich ist, nimmt er mich kurz in den Arm.
„Sie kann dort nicht bleiben, Dad, okay? Lass sie nicht dort!“, flehe ich ihn an.
„Das kann ich noch nicht versprechen. Sollte sie einen Pneumothorax haben oder das Herz betroffen sein, braucht sie eine Drainage und Sauerstoff.“
Zum wiederholten Mal in dieser Nacht schnürt es mir die Brust zu, und ich kämpfe gegen die brennende Flüssigkeit in meinen Augen an.
„Wir tun, was wir können, Schatz, okay?“, schließt Claire, bevor auch sie ins Auto steigt und mit Dad und Julia wegfährt.
Max legt mir einen Arm um die Schulter. „Keine Sorge, Mann. Dein Dad hat das im Griff, und Jules ist stark. Sie wird das durchstehen.“