k blogAls verspätetes Geburtstaggeschenk von mir an euch, lasse ich euch heute in meinen Prolog hineinlesen. Lang dauert es ja nicht mehr bis zur Veröffentlichung. Freut ihr euch auch schon so sehr darauf wie ich?

Alle Rechte vorbehalten - © Jessica Winter, 2015

PROLOG
Julia

Es heißt, es gäbe mehrere Stadien der Trauer, die man durchlaufen müsse, nachdem man einen geliebten Menschen verloren hat. Diese Phasen seien normal und erforderten unterschiedlich viel Zeit.

Es existieren verschiedene Theorien darüber, wie viele Stadien es tatsächlich sind, doch Experten schwanken zwischen vier und sieben solcher Phasen.
Hier sind meine fünf: Schock, Wut, Depression, Regression und Anpassung.
Du glaubst gar nicht, wie oft sie mir sagten, dass du tot wärst, mir ihr Beileid aussprachen, damit ich deinen Tod endlich akzeptieren würde. Dabei war ich doch selbst anwesend. Ich sah dein Gesicht. Ich wusste, dass es wahr sein musste, trotzdem konnte ich es einfach nicht glauben, denn die Realität schien nicht durchdringen zu können. Je öfter ich es aussprach, desto unwirklicher erschien es mir. Manchmal wache ich noch heute auf, in der festen Annahme, der Erwartung, der Hoffnung, dich neben mir zu finden, sobald ich mich umdrehe. Als wäre all das hier nur ein langer, grausamer Traum, aus dem ich doch irgendwann endlich aufwachen müsste. Doch alles, was ich vorfinde, wenn ich neben mich greife, ist die Leere.
Dann übermannte mich die Wut. Oh Gott, wie wütend ich war. Auf mich selbst, weil ich nichts tun konnte.
Auf dich, weil du aufhörtest zu kämpfen.
Auf Gott, weil er uns kein Wunder schenkte.
Auf die Schuldgefühle, die ich hatte, weil ich so wütend war.
Schließlich begann die volle Wucht des Schmerzes und der Verzweiflung auf meinen Körper einzuwirken. Er geriet aus dem Gleichgewicht. Ich konnte nicht schlafen, nicht aufstehen, nicht essen. Alles erschien so unendlich sinnlos, und meine Gedanken kreisten ständig darum, was wir nie mehr gemeinsam erleben werden. Ich fühlte mich wie unter einer Glaskuppel, abgeschnitten von dem Rest der Welt.
Obwohl ich mir so dringend Hilfe wünschte, verhielt ich mich gleichzeitig unglaublich abweisend. Hohe Emotionalität, Aggressivität, Hilflosigkeit wechselten einander immer wieder ab. Ich war nie sicher, ob ich schon bereit war, wieder zu den Lebenden zu gehören oder weiterhin versuchen sollte, an der Vergangenheit festzuhalten.
Die letzte Phase ist die Rückkehr ins Leben. Die Trauerarbeit ist beendet und die Trauer verarbeitet. Man findet sein Herz wieder und fühlt sich trotz vergangener Verluste bereit dazu, es eines Tages erneut verschenken zu können.
Diese letzte Phase habe ich noch nicht vollständig erreicht und bin auch nicht sicher, ob ich sie je erreichen werde. Ich muss täglich mit mir ringen, kämpfen, mache oft Fortschritte und ebenso oft Rückschritte.
Denn die Wahrheit ist: Jeden Tag, an dem du nicht bei mir bist, sterbe ich ein Stück mit dir.